Die klassische Balintarbeit
Anfang der 50iger Jahre luden Michael (1896-1970) und Enid (1903-1994) Balint in London Allgemeinärzt:innen zu einem Seminar ein, um die „Psychologischen Probleme innerhalb der medizinischen Allgemeinpraxis zu studieren“.
Ihr Gedanke war, dass „das am allerhäufigsten verwendete Heilmittel der Arzt selber sei“ und dass es „für dieses hochwichtige Medikament noch keinerlei Pharmakologie gab“. „In keinem Lehrbuch steht etwas über die Dosierung, in welcher der Arzt sich selbst verschreiben soll ... oder über etwaige unerwünschte Nebenwirkungen.“
In der klassischen Balint-Gruppe sitzen 8 – 12 Ärzt:innen unter der Moderation einer ausgebildeten Balintgruppenleitung zusammen. 90 Minuten lang beschäftigen sie sich mit einer "Arzt-Patient-Beziehung", die die vorstellende Person besser verstehen möchte. Sie beschreibt die Begegnung mit einem:r Patient:in aus der Erinnerung, ohne dass sie hierzu Aufzeichnungen oder eine Krankenkartei benutzt.
Es entsteht so ein erlebnis- und gefühlsnaher Eindruck von der:dem Referent:in, dem:der Patient:in und von Ihrer Beziehung zueinander.
Die Teilnehmenden, die diesem Bericht zuhören, geben anschließend ihren Eindruck, ihre Gefühle und Fantasien dazu wieder. Hieraus entsteht ein komplexes Bild der "Arzt-Patient-Beziehung", das der:die Vortragende sich schweigend aus der Distanz in Ruhe betrachten kann. Er:sie bekommt Anregungen für eine neue Sichtweise, blinde Flecken werden erhellt.
Er:sie erkennt seine:ihre Wirkung auf den:die Patient:in und seine:ihre eigenen Verhaltensmuster.
In Balint-Gruppen nutzen wir die analytische Betrachtung der "Arzt-Patient-Beziehung", um mehr Verständnis für „den Arzt, seinen Patienten und die Krankheit“ zu erlangen, wie es in Balints Buch über seine Forschungsergebnisse beschrieben wird („The doctor, his patient and the illness, Michael Balint 1957)
Balint-Arbeit bietet einerseits ein Stück Selbsterfahrung für den:die Ärzt:in, die allmählich zu einer „begrenzten aber doch wesentlichen Wandlung in seiner Persönlichkeit“ (Balint) führt.
Andererseits lernt der:die Ärzt:in, sich stärker auf den:die Patient:in und dessen:deren Erleben zu konzentrieren und dadurch über die Krankheit hinaus die Gesamtpersönlichkeit, den Ganzheitsaspekt im Auge zu behalten, offen für die Erkenntnis, dass psychische und soziale Faktoren einen ebenso wichtigen Einfluss auf die Entwicklung einer Krankheit haben können wie die körperlichen Veränderungen.
Die Kommunikation zwischen Ärzt:in und Patient:in wird leichter und effektiver.
Somit dient die Balint-Arbeit dem Wohle von Patient:innen und Ärzt.innen
Diese Methode ist auch für andere helfende und soziale Berufsgruppen, wie Lehrer:innen, Pfarrer:innen, Sozialarbeiter:innen, klinische Psycholog:innen, Kranken- und Gesundheitspflege etc. anwendbar und nutzbringend.
Auf den Tagungen der DBG werden sowohl gemischte als auch fachspezifische Gruppen angeboten. Beide haben ihre Vorteile.
Siehe Rappe-Giesecke (pdf-download).
